Donnerstag, 07. Juni 2007

Showdown bei der Göttinger Gruppe?

Anwalt: „Wer jetzt noch einzahlt, zahlt am Ende drauf.“

Bremen / Göttingen. Anleger sollten jetzt auf gar keinen Fall weiter irgendwelche Zahlungen auf Konten der Göttinger Gruppe leisten. Rechtsanwalt Jan-Henning Ahrens von der auf Kapitalanlagerecht spezialisierten Kanzlei KTAG in Bremen schätzt, dass immer noch einige tausend Anleger weiter in ihre Beteiligungen bei dem offensichtlich in dramatischen Liquiditätsschwierigkeiten steckenden Finanzdienstleister einzahlen. Möglicherweise wüssten viele noch nichts von der desaströsen Entwicklung oder sie glaubten, auf diese Weise noch etwas retten zu können. Die Annahme sei aber grundfalsch: „Wer jetzt noch einzahlt, der zahlt am Ende sogar noch drauf.“ Bei einer Insolvenz drohe die Nachschusspflicht.

KTAG vertritt mehrere hundert Geschädigte der Göttinger Gruppe. Laut Ahrens haben sich die augenscheinlichen Probleme schon seit Monaten abgezeichnet. Obwohl Verfahren erst- und zweitinstanzlich gewonnen wurden, hätten laut Ahrens sämtliche Zahlungsansprüche immer nur im Wege der Zwangsvollstreckung realisiert werden können: „Das ging jedes Mal bis hin zur Androhung der Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung.“ Freiwillig sei nie gezahlt worden. Massiver Druck sei sogar bei jenen Verfahren nötig gewesen, in denen vor Gericht Vergleiche mit der Göttinger Gruppe geschlossen worden sind.

Rechtsanwalt Ahrens macht in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass Ansprüche gegen die Göttinger Gruppe wegen der so genannten atypisch stillen Beteiligungen noch nicht verjährt sind: „Der Bundesgerichtshof hat in einem aktuellen Urteil (23. 1. 2007 Az. XI ZR 44/06) festgestellt, dass auch in Altfällen, Ansprüche erst verjähren können, wenn der Anspruchsinhaber Kenntnis von den anspruchsbegründenden Tatsachen hatte.“

Nach ständiger Rechtsprechung des Landgerichts Göttingen und des Oberlandesgerichts Braunschweig sei für die Kenntnis des Anlegers insbesondere das Bewusstsein erforderlich, dass ihm bei der Vermittlung der Beteiligung ein für seine Entscheidung wesentlicher Umstand verschwiegen worden ist. Ahrens: „Das dürfte aber gerade bei jenen Anlegern nicht der Fall sein, die weiterhin Einzahlungen an die Göttinger Gruppe erbringen.“ Was bedeutet, dass auch Anleger durchaus noch Chancen hätten, die längst resigniert haben.

In den bisherigen Beweisaufnahmen vor dem Landgericht Göttingen habe sich immer wieder herausgestellt, dass obendrein auch den meisten Vermittlern die mit der Beteiligung verbundenen Risiken nicht bewusst waren. So habe überhaupt keine ordnungsgemäße Beratung erfolgen können. In einem Werbevideo der Göttinger Gruppe, das KTAG vorliegt, werde die Beteiligung als, im Gegensatz zu den Renten, absolut sichere Anlageform zur privaten Altersvorsorge dargestellt, bei der sogar das Finanzamt Geld dazugebe.

Stattdessen seien den Anlegern hochriskante Beteiligungen verkauft worden, bei denen ein Totalverlust möglich sei. Verbraucherschützer vermuten sogar ein „Schneeballsystem“, bei dem neue Anleger die angeblichen Renditen der Altanleger zahlten.

Sollten sich die Hinweise auf ein endgültiges Aus der Göttinger Gruppe verdichten und in der Folge ein Insolvenzverfahren beantragt werden, hätte das gravierende Folgen für diejenigen Anleger, die aktuell noch immer einzahlen oder die ihre Einzahlungen nur vorübergehend eingestellt haben, ohne ihre Beteiligung ausdrücklich zu kündigen, meint Rechtsanwalt Ahrens. Ein Insolvenzverwalter werde „unter Garantie“ auf der vollen Einzahlung der gezeichneten Einlage bestehen: „Sie werfen ihr Geld also schlicht aus dem Fenster.“ Er könne diesen Anlegern nur dringend empfehlen, sich anwaltlicher Hilfe zu bedienen.

Der Finanzkonzern soll seit Anfang der neunziger Jahre bei mehr als 100.000 Sparern eine Anlagesumme von umgerechnet gut einer Milliarde Euro eingesammelt haben. Die Göttinger Gruppe ist wegen mehrerer hundert Klagen geschädigter Anleger schon wiederholt in die Schlagzeilen geraten. Sie war mit dem Tochterunternehmen Securenta seinerzeit bundesweit der größte Anbieter von staatlich geförderten, so genannten atypischen stillen Beteiligungen. Das Anlagemodell der Unternehmensbeteiligungen wurde vor allem als Altersvorsorge angeboten. Es brachte den Anlegern aber häufig nur Verluste. Inzwischen hat das Amtsgericht Göttingen Erzwingungshaftbefehle gegen Firmenmanager erlassen.

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Bernd Frank

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